Aus der Geschichte der Ordensburg zu Perchtoldsdorf

PerchtoldsdorfWie Vieles, was heute noch Bedeutung hat, fehlt es bis weit ins Mittelalter hinein an zuverlässigen Quellen über die geschichtlichen Ereignisse, die sich hier angespielt haben. Tiefes Dunkel liegt vor allem über den älteren Zeiten. Das gilt im Besonderen für Perchtoldsdorf und seine Burg.

Dennoch können wir aus Fundstellen in der Umgebung schließen, dass die Stätte, die heute den Namen Perchtoldsdorf trägt, in vor- und frühgeschichtlichen Zeiten nicht unbekannt war - und die vorsichtige Sohle des keltischen Jägers wie der eherne Fuß des römischen Kriegers über ihren Grund schritt.

Selbst die Gründung des Ortes ist durch keine Urkunde belegt; nur die Überlieferung weiß von einem Herrn Berthold zu berichten, der sich als einen Bruder des Babenberger Markgrafen Leopold I. des Erlauchten bezeichnete. Die Niederlassung war damals sicher keine Burg, sondern ein Gehöft oder Meierhof, an den sich andere Gehöfte anschlossen, so dass ein Dorf entstand.

Im Jahre 1135 erscheint ein Herr Heinrich von Perchtoldsdorf urkundlich als Zeuge auf einem Schenkungsbrief des Stiftes Klosterneuburg. Zusammen mit seiner Gemahlin Mathilde und seinem Bruder Adalberto (Albero) von Perchtoldsdorf scheint er in der Schenkungsurkunde von Wilhelmsdorf auf. Der Sohn Heinrichs, Otto von Perchtoldsdorf der Ältere, war Kämmerer von Österreich. Er wird in Freiheitsbriefen 1204 und 1208 und im Stiftsbrief von Lilienfeld 1209 urkundlich erwähnt. Die Herren von Perchtoldsdorf dürften als Angehörige des Ministerialgeschlechts der Babenberger die Kastellane der Burg von Mödling gewesen sein und dann den Auftrag erhalten haben, eine feste Burg zur Absicherung gegen das offene Wiener Becken zu bauen und so das ihnen verliehene Dorf zu schützen.

Die Burg wurde als Hochburg mit ringförmigem Umfang angelegt. Die breite, in die Ebene vorgeschobene Kalkklippe war bestens geeignet, den tangierenden alten Verkehrsweg zu beherrschen und von hier aus die Ebene zu überblicken. Die damals einheitliche Burganlage mit romanischen Doppelbogenfenstern ist ähnlich jener der benachbarten Burg Liechtenstein bei Mödling.

Einer der bedeutendsten Vertreter der Babenberger dieser Zeit war Otto I. , auf dessen Veranlassung Bischof Ulrich von Passau Perchtoldsdorf im Jahre 1216 zum Pfarrdorf erhob.

Den Ruhm edler Menschlichkeit erwirbt sich Otto II. von Perchtoldsdorf im Jahre 1278 in der Marchfeldschlacht, als er sich des besiegten und sterbenden Königs Ottokar Przemysl annahm. Noch im selben Jahr erteilte dem edlen Kämmerer von Österreich Güter und Lehen. Otto III. von Perchtoldsdorf, seit 1290 nicht mehr österreichischer Kämmerer, schloss sich dem österreichi-schen Adelsaufstand gegen die Habsburger. Sein Bruder Heinrich von Perchtoldsdorf starb 1308 kinderlos. Das Stift Melk, als Lehensherr, zog die Güter ein und verlieh sie dem Herzog von Österreich.

Damit bricht die Blütezeit an, denn der Habsburger Herzog Albert II. der Weise , der den Chorbau von St. Stephan in Wien begann, ließ die Burg erneuern und bestimmt sie zum Witwensitz für seine Gemahlin, die allerdings vor ihm stirbt. Dann nimmt er den Bau der Pfarrkirche in ihrer gegenwärtigen Gestalt in Angriff. Die Vollendung des Baues erfolgt vermutlich unter seinem Sohne, Rudolf IV. dem Stifter.

Rudolfs Witwe, Katharina von Luxemburg , bewohnt lange die Perchtoldsdorfer Burg, noch länger (1395 - 1414) ihre Schwägerin Beatrix von Nürnberg, die Witwe Albrechts III. Sie gründet das Bürgerspital und die Spitalskirche. Auf ihre Veranlassung erhebt ihr Sohn Albrecht IV . den Ort im Jahre 1400 zum Markt . 1406 erhält der Markt ein Wappen (ein Turm mit drei Zinnen über einer Mauer im österreichischen Bindenschild), sowie andere Vorrechte.

Albrecht V. fügt 1415 noch das Recht des Gerichtswesens hinzu (der Bürgermeister führt nun den Amtstitel "Marktrichter") und bestätigt die (insgesamt achtzehn) Freiheitsbriefe. Das Recht eines Ortes entstand damals durch die Aufzeichnung des geltenden Gewohnheitsrechts und musste vom Landesherrn bestätigt sein.

In Familienzwistigkeiten hineingezogen, verpfändet, von äußeren und inneren Feinden bedroht, erstürmt, verloren und wieder gewonnen wird die ursprünglich schlossartige Burg fast zur Ruine. Dennoch hält sich die Burg 1529 gegen die Türken , während der Ort in Flammen aufgeht.

Es folgen Jahre der religiösen Wirren, der Bedrängnisse durch Mordbrennerbanden, Missernten, Seuchen, und Bauernaufstände und Einfälle von Ungarn. Das 17. Jahrhundert bringt mit dem Dreißigjährigen Krieg erneut schwere Lasten.

Die nahezu gänzliche Ausrottung der Ortsbevölkerung von Perch-toldsdorf geschieht im Jahre 1683 durch die Türken , als sie von deren Anführer, Hassan Pascha von Damaskus, mit Lug und Be-trug zur Aufgabe veranlasst und danach niedergemetzelt werden. Nach der Verdrängung der Türken aus Österreich beginnt die Wiederbesiedlung der Brandstätte durch steirische Landleute.

 

Die wesentlichen Teile der heutigen Burganlage

Die Pfarrkirche

Im Mittelpunkt des alten Burgbezirkes erhebt sich der mächtige Bau der Kirche, in deren Mauerwerk noch ein Teil des romanischen Baues erhalten ist. Schon von aussen erkennt man, dass die Kirche aus verschiedenen Bauperioden stammt. So ist bei-spielsweise der Ostteil in der charakteristischen österreichischen Form der Gotik gebaut. Der hochgotische kreuzrippengewölbte Mittelchor und das spätgotische rippengewölbte Langhaus harmonieren wunderbar mit dem hochbarocken Hochalter, dem geschmiedeten Barockgitter und den leider arg bestoßenen spät - barocken der Figuren des Pfarrpatrons, dem Heiligen Augustin, und dem Heiligen Leonhard, bei dem im neugotischen Stil angelegten Eingang zur Krypta, deren Rundbogenfenster durch Spitzbogenfenster ersetzt wurden. Im ersten Raum der Krypta befindet sich ein unregelmäßiges frühgotisches vierteiliges Kreuzrippengewölbe, während die anderen Räume tonnengewölbt sind.

Über dem Tor im Bogenfeld des Südtores findet man das vielleicht kostbareste Werk der Gotik, die Darstellung des Todes der Mutter Gottes. Die Apostel sind um das Sterbebett versammelt, während Christus die Seele Mariae, die als Kind dargestellt ist, in Empfang nimmt. Die Spruchbänder der um Christus dargestellten Engel zeigen die lebhafte Debatte, die unter den Engel über dieses außergewöhnliche Ereignis im Gange ist.

Ein Engel sagt: QVE EST ISTA (Wer ist diese?)

Ein anderer: PVLCHRA VT LVNA (Sie ist schön wie der Mond!)

Der dritte: VENI ELECTA DOMINICA (Komme, du Auserwählte des Herrn.)

Ein vierter: QVAE PROCREAVIT VT AVRVM (Sie hat ihn wie Gold ans Licht gebracht.)

Ein weiterer: COELESTA VT SOL (Sie ist himmlisch wie die Sonne.)

An des Westseite steht das Haupttor, in dessen spätgotischem Sturzbalken geschrieben ist: CVSTODIAT AIAM TVAM DNS (custodiat animam tuam dominus - der Herr möge deine Seele bewahren!)

 

Der Wehrturm

In der heutigen Form zeigt sich des Wahrzeichen von Perchtoldsdorf als spätgotisches Bauwerk, mit dessen Bau im 12. Jahrhundert begonnen wurde. Umbauten und Erneuerungen fanden in den Jahren 1461/62 und 1521 statt. Seine Höhe beträgt 45 Mater, die Seitenlänge 12,5 Meter. Mit seinen sechs Geschossen gehört er zu den schönsten und höchsten Wehrtürmen der Zeit um 1500.

Im ersten Geschoß befindet sich ein sternrippengewölbter Kapellenraum. Über eine gotische Wendeltreppe gelangt man in die höheren Geschosse und die Galerie des Turmes mit dem Wehrgang. Unter der Kapelle liegt eine gewölbte Brunnenstube mit einem tiefen Brunnen. Lange Zeit glaubte man, dass von diesem Brunnen ein geheimer Gang bis zur Ruine Kammerstein führe, bis im Jahre 1936 beherzte Männer nachgruben und man feststellte, dass die beiden gangartigen Aushöhlungen ur-sprünglich nur der Speicherung des Wassers dienten.

   

Die Martinskapelle

Die 1514 im spätgotischen Stil erbaute Kapelle mit rechteckigem Grundriss zählt zu den letzten in Niederösterreich entstandenen Karnerbauten.

Das Innere überrascht den Besucher durch das kühne Netzrippengewölbe. Der Triumphbogen wird mit hochgezogenen Spitzen eingefasst, wie sie für die späteste Gotik charakteristisch sind.

Heute ist die Kapellen zum Heldendenkmal umgestaltet. In Sgraffitotechnik sind in den Nischen der Süd- und der Westseite die Namen der in den Kriegen von 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 gefallenen und vermissten Söhne des Ortes aufgezeichnet. Und man ist erschüttert, welche ungeheuren Blutopfer dieser niederösterreichische Markt tragen musste.